Der Versuch, ein sehr interessantes Land am Südzipfel des amerikanischen Kontinents aus der Sicht eines "Freiwilligendienstlers" zu beschreiben. Rindersteaks, Maradona, Tango - das sind meist die einzigen Schlagwörter, die man, wenn überhaupt, zum Begriff Argentinien kennt. Dabei ist das flächenmäßig achtgrößte Land der Erde mit dem südamerikanischen Kulturzentrum Buenos Aires als Hauptstadt vielschichtiger als man denkt. Und, was kaum jemand weiß: Auch deutsche Wurzeln stecken in seinem Boden.
Sehr windig, aber sonnig ist es um 12 Uhr mittags im kultigen, nicht ganz ungefährlichen Stadtviertel "La Boca" von Buenos Aires. Hier, wo heute Straßenkünstler klischeehaften Tango tanzen und der hauseigene Fußballverein "Boca Juniors" die Herzen seiner Fans erobert, spielten sich in den letzten beiden Jahrhunderten viele Schicksale ab. Man stelle sich einen Regentag vor, irgendwann im späten 19. Jahrhundert, als ein Dampfschiff unter lautem Getöse in den Hafen dieses Stadtteils einfährt. Englische Deckarbeiter entladen die Fracht, als sich, unter Regenschirmen und hochgehaltenen Mänteln bedeckt, hunderte Europäer ein bisschen ängstlich die Laderampe hinunterwagen. Zu jener Zeit wird die mittlerweile wie ein riesiges Geschwür anwachsende Metropole wirtschaftlich nahezu vollständig von Europäern kontrolliert - Franzosen sind ganz groß im Modegeschäft (wie sollte es anders sein?), während baskische Emigranten die Milchproduktion beherrschen. Nun beginnt ein hartes Leben - aber auf jeden Fall ein Neuanfang. Und irgendwo zwischen Genueser Familien, spanischen Glücksrittern und eben englischen Hafenarbeitern stehen auch Hans, Liese und Karl. Knapp hundert Jahre später sind deutsche Nachnamen in argentinischen Telefonbüchern schon keine Seltenheit mehr.
Was ist geworden aus dem Land, durch dessen wichtigsten und, lange Zeit, einzigen Hochseehafen nicht enden wollende Ströme hoffnungsvoller Europäer gekommen waren? Zumindest Buenos Aires kann seine Wurzeln nicht verstecken - alles wirkt ein bisschen wie Paris, London oder Barcelona. Rappelvolle U-Bahnen, Shoppingpaläste und die typischen Kiosks und Straßencafés gehören zum Stadtbild und lassen keinen Zweifel daran, dass man sich in einer Hypermetropole befindet, die kosmopolitischer fast nicht sein kann. Das Wahrzeichen der Stadt ist ein 67 Meter hoher Obelisk auf der "Avenida del 9 de Julio", der breitesten Straße der Welt. Das behaupten zumindest die Argentinier. Aber dazu später mehr.
Um es ein bisschen "provinzieller" zu haben und der Hektik zu entfliehen, muss man in einen der vollklimatisierten Reisebusse steigen und ins "Hinterland" hinausfahren. So nennen die "porteños", die Haupstadtbewohner, den Rest des Landes, in dem sich immerhin bedeutende Metropolen wie Cordoba, eine der angesehensten Universitätsstädte des gesamten Kontintents, oder Mendoza, ein unter Weinkennern weltberühmtes Winzergebiet, befinden. Außerhalb von Buenos Aires geht das Leben überall ein bisschen ruhiger zu: In nicht wenigen Landesteilen gehört die Siesta, die ausgedehnte Mittagspause, zur stets gepflegten Tradition und man muss sich nicht durch allzu hektische Menschenströme drängeln, um von einem Ort zum andern zu gelangen. Doch auch viele Gemeinsamkeiten prägen das riesige Land - egal, ob man sich in der Wüste von Catamarca, im Regenwald von Misiones, im ewigen Eis in Feuerland, in den Anden oder in der Pampa, dem einsamen, wiesenbedeckten Flachland, befindet.
Die Landessprache Spanisch etwa enthält auch innerhalb Argentiniens Dialekte, hat aber einige überregionale Gemeinsamkeiten, durch welche man als Argentinier im restlichen Lateinamerika leicht erkennbar ist. Dazu gehört z.B. das Wörtchen "che", das in etwa dem deutschen "hey" entspricht und übrigens als Namensgeber für Che Guevara diente, der bürgerlich Ernesto hieß und den Ausspruch wohl oft verwendete. Außerdem sind Aussprache und Satzmelodie des argentinischen Spanischs unverkennbar italienisch geprägt. Gesamtstaatliche Gemeinsamkeiten finden sich vor allem auf einer Stadt-Erkundungstour. Dabei wird man als Europäer leider ein wenig enttäuscht: Anders als in der Heimat, wo Städte im Laufe der Geschichte nach verschiedenen Mustern angelegt wurden und vielen Änderungen unterlaufen sind, wurden die argentinischen Ortschaften nahezu ausnahmslos nach kolonialem Quadratsystem erbaut. Dementsprechend misst ein Straßenblock exakt 100x100 meter und die Orientierung wird selbst in fremden Städten zum Kinderspiel.
Die Straßennamen wiederholen sich zudem in vielen Orten. So befinden sich in nahezu jeder Ortschaft Straßen bzw. Plätze namens "9 de Julio" oder "25 de Mayo", die beiden Gründungsdaten der argentinischen Republik. Obligatorisch für jeden Ort ist auch ein gepflegter, begrünter Platz in der Stadtmitte, Plaza genannt, auf dem man, wenn die Stadt etwas von sich hält, eine Statue den Nationalhelden "San Martin" bewundern kann. Dieser hatte am Anfang des 19.Jahrhunderts das spanische Kolonialheer besiegt und somit die argentinische Unabhägnigkeit besiegelt. Solche Statussymbole findet man im ganzen Land: Statuen, Denkmäler sowie sehr viele interessante Museen. Dabei geht die Heimatliebe teilweise soweit, dass der riesige Staat noch zusätzliche Territorien beansprucht: So sind noch heute in argentinischen Landkarten die Falklandinseln, die man 1982 erfolglos von "den Engländern" zurückerobern wollte, so wie einige ebenfalls auf unseren Karten als "britisch" eingezeichnete Inseln als "argentinisches Territoirum" vermerkt. Dazu gehört natürlich auch ein ordentliches Kuchenstück der (eigentlich) politisch neutralen Antarktis. Der Spaß geht so weit, dass es sogar einen Radiosender und landesweite Unternehmen mit dem Namen "Malvinas Argentinas" (argentinische Falklandinseln) gibt. Späße zu diesem Thema sollte man als Argentinienreisender jedoch tunlichst vermeiden. Ansonsten sind viele Argentinier leichter zum Lachen zu bringen als wir "kühlen" Deutschen. Man ist gemeinhin lebensfroh und bleibt bis spät in die Nachts auf, was meistens auch für die Kinder gilt. Selbst in vielen ländlichen Kleinstädten geht es unter der Woche nachts stimmungsvoller zu als in mancher deutschen Großstadt am Wochende zur gleichen Zeit.
Politisch und wirtschaftlich ist Argentinien so ein Thema für sich - zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der reichsten Länder der Welt, hat sich der Staat bis zum finanziellen Zusammenbruch 2001 stetig kaputtgewirtschaftet und stand dabei abwechselnd unter dem Einfluss einer aristokratischen Oligarchie, einer grausamen Militärdiktatur sowie anderen korrupten Systemen. Die jetzige Präsidentin Christina Kirchner etwa hat es nach 2 Jahren Amtszeit geschafft, sich in großen Kreisen der Bevölkerung sowie bei Argentiniens Landwirten, die seit jeher den wichtigsten Wirtschaftszweig des Staates repräsentieren, zu einer Hassfigur emporzuarbeiten. So haben z.B. Steuererhöhungen im Bereich der Agrar- und Fleischproduktionen dazu geführt, dass das Land mittlerweile Fleisch aus dem Nachbarland Brasilien importieren muss. In Argentinien Landwirtschaft zu betreiben, wird wohl einfach zu teuer. Sowieso steigen die Lebensmittelpreise seit Jahren rapide an. Ein weiterer Schritt zeigt die Umstrittenheit der Präsidentin: Während sich in vielen städtischen Ballungszentren immer mehr Elendsviertel bilden und nicht wenige Familien in zerfallenen Hütten hausen, gab die Kirchner-Regierung im Sommer 2009 mehrere Milliarden US-Dollar dafür aus, dass die Fußballübertragungen der agentinischen "Primera División" im öffentlichen Rundfunk, d.h. gratis, gezeigt werden. In diesem Land, dessen Name vom lateinischen Begriff für Silber (argentum) stammt, befindet man sich seit jeher auf der mittlerweile metaphorisch gewordenen Silbersuche.
Trotz allem gilt Argentinien als eines der wirtschaftlich höher gestellten Länder Südamerikas - die Frage ist, wie lange noch. So ist es, wie auch im Nachbarland Chile, zum Trend geworden, selbst Supermarkteinkäufe mit Kreditkarten oder gar auf Raten zu bezahlen. Logisch, dass der Bezug zum eigenen Geld verschwindet. Kleingeldmangel herrscht im ganzen Land, und auch Geldautomaten spucken meist nur 100-Peso-Scheine, die höchsten vorhandenen Noten, aus. Man kann sich vorstellen, dass somit jeder Einkauf mit Bargeld in der Hand zu einem unvergesslichen Spaß wird. Oft bekommt man dabei statt Münzen Bonbons als Wechselgeld "ausgezahlt". Geht man morgens um 8 Uhr an einer argentinischen Bank vorbei, blickt man auf eine Warteschlange, die vermutlich einmal zum Mond und wieder zurückreicht. Stundenlang steht man hier an. Das gilt auch für Bushaltestellen und Supermärkte, wo stets nach englischem Vorbild Schlangen gebildet werden (Vordrängeln dürfte als eine Art Todsünde betrachtet werden).
Ruhe nach einer der vielen Warteschlangen-Torturen findet man z.B. beim Genuss eines Mates. Dies ist nicht einfach nur ein Heißgetränk, sondern gehört sogar oft bei wichtigen n Besprechungen zum unabdingbaren Ritual. Es handelt sich dabei um einen heißen Aufguss von Blättern des Mate-Strauchs, der in der nordöstlichen Provinz Misiones in riesigen Plantagen angebaut wird. Getrunken wird er aus kleinen Kürbisnachbildungen aus Holz, Metall oder eben Kürbisschale. Dabei saugt man das Getränk aus einem metallenen Röhrchen und lässt sich ein wenig benebeln, während man vom Koffeinrausch redeslig wird und ein bisschen der Alltagshektik entflieht. Die südamerikanischen Nachbarn betrachten Argentinier seit jeher als arrogant und überheblich - tatsächlich wirken vor allem viele Männer oft machistisch und nicht gerade zurückhaltend. Doch das ist oft nur eine Schale, hinter der sich eine im Grunde ruhige, gute Seele versteckt. Hat man erst einmal diese Kruste durchbrochen, erlebt man Beispiele unglaublicher (Gast-)Freundlichkeit. Oft wird man als Ausländer von interessierten Einheimischen alle möglichen Dinge gefragt, woher man komme, warum man in Argentninen ist, ob einem das Land gefällt, ob das Essen schmeckt etc. Während eines solchen Gesprächs wird man mit viel Glück vielleicht sogar zu einem Asado, einem landestypischen Grillfest, eingeladen. Dabei geht es meist familiär-feierlich zu und es wird orgienhaft göttliches Fleisch verschlungen, Sättigungsgarantie inklusive!
Kulinarisch hat das Land sowieso einiges zu bieten: Dazu gehört natürlich nicht nur das berühmte Rindfleisch, dessen Duft in vielen Städten am Wochenende die Straßen erfüllt; ein wenig archaisch anmutend auf Holzfeuer gegrillt und mit nichts anderem als grobem Salz gewürzt, gehört das argentinische Fleisch zu einer einmaligen, einfach unglaublichen Köstlichkeit. Dazu isst man Empanadas, Teigtaschen, die meist mit Hühnchen, Schinken und Käse oder anderen tierischen wie pflanzlichen Produkten gefüllt sind. Zum Stadtbild gehören auch sogenannte "comedores", das sind einfach ausgestattete Restaurants, die fast im ganzen Land ähnliche Speisen anbieten : Empanadas, Hamburger, Schnitzel, "Lomito'" (mit Rinderlende gefülltes Sandwich), und eine eigene argentinische Variante der Pizza mit luftigem Boden.
Vor allem die unzähligen Einwanderer brachten ihre kulinarischen Spezialitäten mit: So findet man etwa in der nordwestlichen Provinz La Rioja einige arabische Speisen, in Cordoba gar einen "Mega Döner", so wie Apfelstrudel und Weißwurst auf dem jährlich stattfindenen Oktoberfest. Ja, richtig gehört! In den südlichen Ausläufern der Provinz Córdoba, wunderschön zwischen Hügellandschaften und Nadelwäldern gelegen, befindet sich ein Dorf namens Villa General Belgrano, das durch seine Archtitektur und seine Hinweisschilder wie z.B. "Bäckerei Anneliese" an seine deutsche Vergangenheit erinnert. Gesprochenes Deutsch hört man auf der Straße wohl nicht mehr, aber dennoch gehört das Städtchen, nicht nur wegen des Oktoberfests, ohne Zweifwel in das argentinische Kuriositätenkabinett. Man vergisst nahezu, dass man sich in Südamerika befindet, während man Bier trinkend Sauerkraut verspeist und dazu alpenländischer Volksmusik lauscht.
Ein bisschen fühlt man sich jedenfalls wie in einer klischee-bayrischen Geisterbahn. Außerdem gibt es einige weitere Städte in Argentinien, die noch sehr durch ihr europäisches Erbe geprägt sind, darunter sogar walisische und finnische. Langsam geht die Sonne unter - das Leben beginnt! Weibliche Schönheiten, nicht selten kunstblonidert, flanieren an der Seite gepflegter männlicher Begleitung durch die Straßen, träumerisch schauende Freigeister hocken am Rande der Plaza und verkaufen wunderschöne, selbstgestrickte Armbänder. Irgendwo sind auch die Nachfahren von Hans , Liese und Karl. Übriggeblieben von ihren Wurzeln ist ihr deutscher Nachname und, vermutlich, eine helle Hautfarbe. Sie alle sind zu einem Großen Ganzen geworden, das man vielleicht nicht immer versteht , aber auf jeden Fall lieben lernt; ein Rätsel wird es wohl auch für die Argentinier selbst bleiben.
Man muss sich einfach drauf einlassen. Quelle: Julian Brock (macht zur Zeit einen Freiwilligendienst in Argentinien) ZURÜCK
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