Die historische Altstadt der am Río Orinoco gelegenen Ciudad Bolivar versprüht noch immer den Charme der Kolonialzeit
Rund 600 Kilometer südöstlich von Caracas, an der schmalsten Stelle des Río Orinoco, nicht weit vom seinem Delta entfernt, liegt die Ciudad Bolivar. Mit ihren Kolonialbauten, den steilen Gassen und der Uferpromenade versetzt sie die Besucher zurück in eine vergangene Zeit. Von der Plaza Bolivar, die sich auf einem Hügel im Zentrum der Altstadt befindet, genießt man eine herrliche Aussicht auf den Orinoco und die Hängebrücke Puenta Angostura. Wegen ihrem historischen Charme wurde die Ciudad Bolivar von der UNESCO zum Weltkulturerbe deklariert.
Bei leicht bewölkten Himmel und schwül-heißen Temperaturen bestiegen wir das Boot, das uns auf dem Río Orinoco zur Ciudad Bolivar bringen sollte. Gemütlich gleiteten wir über den breiten Fluss, kühle, erfrischende Drinks an Bord sorgten für fröhliche Stimmung. Schon nach kurzer Zeit gesellten sich neugierige Süßwasserdelfine zu uns. Sie begleiteten uns eine ganze Zeitlang und zogen mit ihren ausgelassenen Kunststücken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir begeisterten uns an ihrem vergnüglichen Treiben und fragten uns dabei im Stillen, wer hier wohl wen beobachtete.
Der Höhepunkt der Bootsfahrt war für uns ein Bad im Orinoco. An einer ruhigen Stelle hatten wir geankert und sprangen dann, mit Schwimmflügeln versehen, in die kühlenden Fluten. Welch ein Gefühl, tatsächlich und wahrhaftig im drittlängsten Strom Südamerikas zu plantschen! Ein für uns einmaliges Erlebnis, das uns immer in der Erinnerung haften wird...
Das erste, was wir zu sehen bekamen, als wir uns schließlich der Ciudad Bolivar näherten, war die riesige Hängebrücke Puente Angostura. Dieses wahre Wunderwerk der Technik ist Wahrzeichen und der Stolz der Stadt. Erbaut wurde die 1.678 Meter lange und 57 Meter hohe Brücke, die die gesamte Breite des Flusses überspannt, im Jahr 1966. Sie ist übrigens die einzige Brücke, die über den Orinoco führt.
Nachdem wir das Boot und damit den leichten Fahrtwind verlassen hatten, schlug uns die Hitze der Ciudad Bolivar entgegen. Immerhin weist die Stadt in den Tropen Südamerikas eine durchschnittliche Jahrestemperatur von 27,5 Grad Celsius auf. Gegründet wurde die Stadt am unteren Orinoco, der sich hier auf 300 Meter verengt, im Jahr 1764 unter dem Namen Angostura (Flussenge). Zur Ehren des Freiheitskämpfers Simón Bolivar benannte man sie später - 1846 - in Ciudad Bolivar um.
Obwohl hier heute mehr als 350.000 Menschen leben, hat sich die alte Handelsstadt ihren kolonialen Charme noch immer bewahrt. Beim Schlendern durch die Gassen bewunderten wir die original erhaltenen Häuser und öffentlichen Gebäude aus der Kolonialzeit, wie der Palacio de Gobierno, das Casa del Congreso de Angostura, die Catedral Metropoolitana und natürlich schlenderten wir auch über die schön angelegte Promenade am Südufer des Orinoco, die Paseo genannt wird.
Ganz besonders beeindruckt hat uns das Casa San Isidro, das inmitten eines herrlich angelegten, schattigen tropischen Garten liegt. In diesem typischen Landhaus, ausgestattet mit Möbeln aus der Kolonialzeit, hatte der Freiheitskämpfer Simón Bolivar während seines Aufenthalts in der Stadt gewohnt. Heute hat man das Gebäude zum Andenken an den beliebten Nationalhelden in ein Museum umgewandelt. Eine gemütliche kleine Villa, ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt. Unwillkürlich beschlich mich beim Rundgang das Gefühl, wie traumhaft es sein müsste, hier zu leben.
Es gibt wohl kaum einen Ort in ganz Venezuela, in dem nicht wenigstens ein Platz oder ein Denkmal an den Freiheitskämpfer Simón Bolivar erinnert. So steht natürlich auch in der Ciudad Bolivar eine Reiterstatue des beliebten Volkshelden, abgesehen von der Tatsache, dass die Stadt seinen Namen trägt. Geboren wurde der Nationalheld Südamerikas am 24. Juli 1783 in Caracas als Sohn einer reichen Kreolenfamilie. Nach umfangreichen Reisen durch Europa, wo ihn insbesondere Napoléon Bonaparte und dessen Expansionspolitik beeindruckten, kehrte Bolivar 1807 nach Venezuela zurück. Während dieser Zeit hatte sich in Südamerika ein zunehmendes Nationalbewusstsein gebildet, das im gesamten lateinamerikanischen Bereich zu einer Unabhängigkeitsbewegung führte. Auch Bolivar schloss sich in Caracas der Junta zur Unabhängigkeit an. Viele Jahre führte er seine Soldaten in den Kampf für die Befreiung Südamerikas. Sein politischer Traum war eine Konföderation aller lateinamerikanischen Staaten, ein Plan, den er im Jahr 1825 auf der Panamerikanischen Konferenz präsentierte. Obwohl seine Idee nie tatsächlich verwirklicht werden konnte, wird Bolivar noch heute in den meisten südamerikanischen Staaten sehr verehrt.
Bei der schwülen Hitze, dem Bergauf und Bergab der steilen Gassen gerieten wir im Laufe des Stadtbesichtigung allmählich immer mehr ins Schwitzen. Insgeheim beneideten wir eine Gruppe von Kindern, die sich an einem Brunnen einfach mit dem kühlenden Wasser bespritzten und fröhlich lachend umher sprangen. Wie gerne hätten wir es ihnen gleichgetan.
So war es letztendlich, trotz aller tollen Sehenswürdigkeiten, dann doch auch ein wenig eine Erleichterung, als wir in unser, direkt am Orinoco gelegenes, Hotel zurückkehrten. Ich weiß nicht, ob die anderen Gäste einen Aufenthalt in den klimatisierten Zimmern vorzogen. Jedenfalls hatten wir den großen Swimmingpool, der einzigartig mit der umgebenen Landschaft harmonisierte, fast gänzlich für uns alleine. Beim Treiben im erfrischenden Wasser sinnierten wir nochmals über die Erlebnisse an diesem eindrucksvollem Tag nach…
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